Mennonitengemeinde Hamburg - Altona

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Aktuelles Berichte Besuch aus Kenia

Besuch aus Kenia

E-Mail Drucken PDF

Rebecca Osiro ist derzeit einzige ordinierte mennonitische Pastorin in Ostafrika. Sie arbeitet seit drei Jahren an ihrer Dissertation. Aufgrund ihrer Forschungsarbeiten zum islamischen Familienrecht und die gesellschaftlichen Auswirkungen in Kenia, erhielt sie durch die Universität Bayreuth ein Stipendium der VW-Stiftung, deshalb wurde sie jetzt zum dritten Mal zu einem Symposium nach Bayreuth eingeladen. In diesem Zusammenhang konnte sie zusammen mit Lenemarie Funck-Späth  aus Bamberg unsere Gemeinde besuchen. 


Am Sonntag, den 14. Februar hielt sie die Predigt, wobei sie besonders auf die Vision unserer weltweiten Verbindung in der mennonitischen Geschwisterschaft hinwies: „Wie wäre es, wenn sich die mennonitischen Geschwister in Nairobi und die mennonitischen Geschwister in Hamburg als Partnergemeinden kennen lernen und leben könnten? Wir sind doch eins in Christus!“
In Kenia gibt es etwa 9000 Mennoniten in vielen verschiedenen Gemeinden. Rebecca Osiro ist ehrenamtliche Pastorin einer kleinen Mennonitengemeinde in einem Elendsviertel in Nairobi.
Im Anschluss an den Gottesdienst erzählte  Rebecca Osiro im Gerrit-Roosen-Saal vor einer gespannt zuhörenden Gemeinde, welche Todesängste und Verfolgungen sie 2007 im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl erleben mussten. Die Volksgruppe der Kikuyu bedrohte die Volksgruppe der Luo, zu der Rebecca Osiro und ihre Familie gehört und umgekehrt, je nach Stadtteil. Sie und ihre Familie mussten ihre Wohnung bei Nacht und Nebel verlassen und konnten kaum etwas mitnehmen, auch konnten sie nicht mehr zurück. Jetzt wohnen sie in einem Elendsviertel am Rande von Nairobi. Die Stammeszugehörigkeit und –sprache schien während der Unruhen Vorrang vor Religionszugehörigkeit zu haben. Andererseits erhielt die Familie Osiro aufgrund persönlicher Beziehungen Hilfestellung von Muslimen bzw. Angehörigen der Kikuyu. In Kenia gibt es etwa 20% Muslime. Ein kleiner Teil der Bevölkerung sind Hindus, Buddhisten oder Angehörige der traditionellen Religionen. Die große Mehrheit sind Christen.
Am Montag gab es ein Gespräch mit Ehepaar Greve. Es sollte geprüft werden, in wieweit sich das Hilfswerk AGF in Kenia zukünftig bei der Verhinderung von Genitalverstümmelungen bei Mädchen engagiert. Das Gespräch verlief vielversprechend und die Partner haben vereinbart, ein gemeinsames Projekt weiter voranzutreiben.

Am Dienstag, den 16. Februar, konnten wir dann die Wissenschaftlerin Rebecca Osiro hören. Sie berichtet von ihrem For-schungsgebiet, in dem sie sich mit der Bedeutung des islamischen Rechts (der Sharia) für die ländlichen Muslimen besonders
für die Frauen beschäftigt. Dazu machte sie qualifizierte Interviews, die sie wissenschaftlich auswertete. Wichtigstes Ergebnis ist, dass das islamische Familienrecht, wenn es durch kompetente Richter der Khadi-Gerichte angewandt wird, für viele Frauen aus dem ländlichen Bereich sogar manchmal ein Schutz sein kann, denn die Alternative ist oft nicht eine säkulare Rechtssprechung, sondern das in der afrikanischen Tradition verankerte Recht, das den Frauen kaum Schutz bietet, sondern sie noch mehr den patriarchalen Strukturen ausliefert. Problem insgesamt ist aber, dass die Diskussion um das islamische Recht, und die Familiengerichte Khadi oder das säkulare Recht politisch funktionalisiert und zur Durchsetzung von Machtinteressen missbraucht wird. Rebecca Osiro befürchtet, dass sich bei den nächsten Wahlen erneut Unruhen entwickeln könnten.
Es folgte ein Gespräch von sehr interessierten Zuhörern und Zuhörerinnen. Es war auch eine Muslimin anwesend, die sich aktiv einbrachte. So sorgte der Besuch von Rebecca Osiro für viele neue Gedanken und Begegnungen. Dank auch an Fernando Enns, der die Gespräche moderierte und viel übersetzte.
Bernhard Thiessen