Es sind die Hände, die mich an diesem Bild faszinieren. Da streckt dieser kleine Kerl seine Ärmchen erwartungsvoll nach oben. Ich sehe ihn förmlich strampeln und Maria hält andächtig ihre Hände über ihm. „Nun kommt doch zusammen und umarmt Euch.“
Ja, so ist wohl Weihnachten. Gott kommt hilflos, nackt und bloß zu uns auf die Erde. Gott streckt sich uns entgegen, hoffnungsvoll und mit freudiger Erwartung, wie ein Kind. Gott strampelt sich sozusagen nach uns ab. Und da stehen wir, Maria gleich ein wenig fromm, ein wenig andächtig, aber doch noch ohne Berührung.
Und Josef? Ja, der hat auch Hände, und die hält er ganz hilflos nach oben. Dem würde ich noch weniger ein sicheres In-den-Arm-nehmen zutrauen. Unsicher wedelt er mit seinen Armen und Händen vor seinem Oberkörper herum, als wollte er sagen: „O Gott, o Gott, was sollen wir nur mit dem machen?“
Die einzigen, die in ihrer Handhaltung klar auf das Bedürfnis des Kindes reagieren, sind die Engel. Sie zeigen mit ihren Händen und Fingern auf das Geschehen. „Seht da, Gott bei den Menschen.“ „Ehre sei Gott in der Höhe – und auf Erden Friede den Menschen seines Wohlgefallens.“, so heißt der lateinische Text auf dem Banner. Dies ist die frohe Botschaft der Engel und dies ist die Verkündigung für uns Menschen.
Es ist ein Blatt aus dem Turin-Mailänder Stundenbuch, gemalt im 15. Jahrhundert.
Gott aus der Höhe, dargestellt in der goldenen Aura um den Kopf des Kindes, wird Mensch in der Tiefe, dargestellt in der hilflosen Lage des Säuglings. Doch Gott will etwas von uns, das zeigen die ausgebreiteten Arme. In Maria ist unser Bestreben zum Himmel dargestellt, im Himmelsblau und auch in der Andeutung ihres bzw. unseres göttlichen Wesens im Gold ihrer Aura. In Josef zeigt uns der Maler, dass wir trotz unseres himmlischen Strebens zutiefst auf der Erde verwurzelt sind. Das deutet die rote Farbe seines Umhanges an. Rot steht für Erde. Und das satte Grün seines Gewandes weist auf die lebendige Natur hin.
So stehen wir selbst zwischen Himmel und Erde, zwischen unserem Wunsch, in Gott geborgen zu sein von Ewigkeit zu Ewigkeit auf der einen Seite und andererseits unserer nüchternen Erfahrung bei unseren irdischen Aufgaben. Beidem wollen und sollen wir angemessen begegnen.
An Weihnachten kommt Gott zu uns, er streckt sich uns entgegen und strampelt vor uns, damit wir uns von ihm berühren lassen. Wir können ihn aufnehmen und annehmen und so in uns wirken lassen. Auch wenn wir es in frommer Anmut tun wie Maria oder in hilfloser Bodenständigkeit wie Josef, lasst es uns immer wieder wagen. Lasst uns unseren Weg mit Gott gehen, in der feierlichen Advents- und Weihnachtszeit, aber vor allem im Alltag, der im neuen Jahr schon auf uns wartet.





